| Ich zögere nicht, die Jahre, die
ich als Erwin-Schrödinger Stipendiantin in der Gruppe von Marc
Feldmann am damaligen Charing Cross Sunley Research Centre in London
(dem heutigen Kennedy Institute of Rheumatology, Sunley Building)
verbracht habe, als ganz besonders glücklich und produktiv zu
bezeichnen.
Vor meinem England-Aufenthalt war ich hauptsächlich als Klinikerin
tätig gewesen, ich hatte gerade den Facharzttitel für
Innere Medizin erworben. Die kompetente und stimulierende wissenschaftliche
Betreuung durch Prof. Werner Waldhäusl an der damaligen I.
Med. der Universität Wien hatte in mir großes Interesse
an der Erforschung von Autoimmunerkrankungen geweckt. Mir war allerdings
klar, dass für kompetitive Forschung in diesem Bereich eine
solide Grundausbildung in Basisimmunologie nötig wäre
und dass diese auch eher früher als später erfolgen müsste.
Ich war schließlich zu diesem Zeitpunkt schon über 30.
Ich entschloss mich deshalb, mich um ein Erwin-Schrödinger-Stipendium
zu bewerben, um bei Marc Feldmann die Grundlagen der Immunologie
zu erlernen und meine Forschungen auf das Studium der T-Zellen von
Patienten mit Autoimmunerkrankungen auszudehnen. Marc Feldmanns
Labor beschäftigte sich zu diesem Zeitpunkt nicht ausschließlich
mit Rheumatologie. Targetorgane verschiedener Autoimmunerkrankungen
wie Inselzellen und die autoimmune Schilddrüse waren ein weiterer
wichtiger Fokus.
Nachdem mir das Schrödinger-Stipendium zuerkannt worden war,
übersiedelte also die Familie - meinem Mann war es gelungen,
ein Sabbatical zum Verfassen einer wissenschaftlichen Arbeit zu
bekommen, unsere Kinder waren 2 Jahre bzw. 5 Wochen alt - nach London.
Unser Nachbarmädchen aus Österreich, eine junge Englischstudentin,
kam als Au Pair-Mädchen mit.
Trotz der zugegeben etwas schwierigen familiären Situation
war ich vom ersten Tag an von meinem neuen Arbeitsbereich begeistert.
Die Kollegen kamen aus aller Herren Länder wie z.B. aus den
Vereinigten Staaten, Neuseeland, Indien, China, Italien, dem Iran,
usw. Eine derartige Internationalität war man damals in Österreich
noch nicht gewöhnt. Marc war ein hervorragender Supervisor.
Meine Arbeit verlief sehr erfolgreich. Bald hatte ich Freunde und
Kooperationspartner. Marco Londei, der bereits ein Nature- und ein
Science-Paper über T-Zellen aus der autoimmunen Schilddrüse
publiziert hatte, und ich waren nicht nur gute Freunde, sondern
auch bald ein extrem produktives Team. Mit meinem Heimatinstitut
in Österreich hatten wir eine gute Kooperation aufgebaut. Von
dort schickte mir mein Kollege Klaus Pirich, der bei Prof. Waldhäusl
tätig war, jede Woche Schilddrüsengewebe, das in England
nur schwierig zu bekommen war. Jeder Tag brachte neue Überraschungen
und neue Erfolge - für mich eine ganz neue Welt.
Besonders glücklich war ich, als es mir nach dem ersten Jahr
gelang, durch ein weiteres Schrödinger-Stipendium und die gleichzeitige
Unterstützung des British Council meinen Forschungsaufenthalt
auf fast 3 Jahre auszudehnen. London war damals - und ist es vermutlich
noch immer - eine Drehscheibe zwischen Ost und West. Ich war von
der Berühmtheit der durchreisenden und das Labor besuchenden
Wissenschaftler beeindruckt. Gustav Nossal, Robert Gallo und Tadatsugu
Taniguchi waren nur einige unter vielen prominenten Gästen.
Die T-Zell Symposien, die Marc Feldmann jedes Jahr in Oxford organisierte,
waren stets exzellent besetzt und die Diskussionen sehr stimulierend.
Ich erinnere mich noch an talks von Jack Strominger, Andrew McDavid
und Diane Mathis, die "cutting edge"-Themen behandelten.
Für mich neu waren auch Marc Feldmanns gute Beziehungen zu
Industrie und Klinik. Es war eines seiner Prinzipien, Reagenzien
nie zu kaufen, sondern von seinen Freunden geschenkt zu bekommen.
So waren wir z.B. eines der ersten Labors, das von der Firma Gene&Tech
hergestelltes rekombinantes TGF-β an humanen Zellsystemen testen
konnte. Über Marcs erfolgreiche Kooperation mit Tiny Maini
brauche ich, glaube ich, nicht weiter zu berichten. Es ist heute
allgemein bekannt, dass die in der Klinik weit verbreitet angewendeten
Antikörper gegen TNF-α als Folge dieser jahrelangen Kooperation
entwickelt wurden.
Der wissenschaftliche Erfolg ließ auch nicht lange auf sich
warten. Ich kann auf eine große Zahl sehr guter Publikationen
aus meiner Zeit in London, wie zum Beispiel im Journal of Clinical
Investigations, PNAS und FASEB, zurückschauen.
Meine Kinder nützten die Zeit in London ebenfalls, u.a. indem
sie heute perfekt Englisch sprechen. Das kam vor allem meinem Sohn,
der mittlerweile sein Studium in Oxford abgeschlossen hat und jetzt
in Harvard ist, sehr zugute.
Zusammenfassend hat mir das Erwin-Schrödinger-Stipendium nicht
nur neue Dimensionen der Wissenschaft eröffnet, sondern hat
mir auch klargemacht, dass die immunologische Grundlagenforschung
in Zukunft den Schwerpunkt meiner Forschung darstellen würde.
Dieses Ziel konnte ich auch verwirklichen.
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