Mein Schrödinger Auslandsjahr in Harvard stellt sich in der
Erinnerung als verklärt dar. Ich besuchte viele Vorlesungen
und Seminare, erkundete Boston und Cambridge, MA, lernte viele Kollegen
und Kolleginnen kennen, die noch jetzt meine guten Freunde sind,
und genoß die Zeit in vollen Zügen.
Meine Betreuerin kümmerte sich sehr nett um mich. Daneben
hatte ich aber auch noch einen Professor von der Tufts University,
der im Fach Maschinenbau tätig ist, und der sich um mich und
um einen japanischen Austauschwissenschaftler rührend bemühte.
So nahm er uns jedes Wochenende zum Heartland Supermarkt mit, fuhr
uns mit unseren Einkäufen heim (wir hatten beide kein Auto).
Außerdem gingen wir oft spazieren gemeinsam. Am meisten Leute
lernte ich in Vorlesungen, Seminaren und Gastvorträgen kennen.
Da ich zur Zeit des Stipendiums erst 30 Jahre alt war, waren die
DissertandInnen, mit denen ich Kurse besuchte, gleichaltrig, so
daß hier ein sehr intensiver Austausch erfolgte. Unter den
Damen und Herren, die ich in Harvard auf diese Weise kennenlernte,
war auch eine Japanerin, über die ich später sehr intensive
Kontakte nach Japan knüpfen konnte.
Wissenschaftlich war dieses Jahr für mich sehr wichtig, weil
ich an viel Literatur herankam dank der vorzüglichen Ausstattung
der Bibliotheken in Harvard, und weil ich viele neue Theorien aufsog.
So besuchte ich die Vorlesungen über Dekonstruktivismus bei
Barbara Johnson, die mir eine völlig neue Sicht auf Dekonstruktivismus
und Lacan vermittelte.
Ich habe zwar im Jahr in Cambridge, MA nicht viel an meiner Habilitation
gearbeitet, weil ich erst in der Konzeptionsphase war und sich vieles
angesichts der zahlreichen Eindrücke und neuen Theorien an
der Struktur der geplanten Arbeit änderte. Trotzdem war das
Jahr äußerst produktiv, da es für mehrere Jahre
Forschungsmaterial bereitstellte. Zwei Jahre später, als ich
dann am National Humanities Center in North Carolina war, konnte
ich - auch auf Grund der Vorarbeiten in Harvard - meine Habilitation
in eine Rohfassung bringen und ein Jahr später in Wien einreichen.
Das Jahr in Harvard war für mich ein Meilenstein in meiner
wissenschaftlichen und persönlichen Entwicklung. Es lief aber
nicht alles so ganz glatt, und auch dies war sehr wichtig für
meine spätere Entwicklung. So lernte ich angesichts verschiedener
unangenehmer Erfahrungen, meine vornehme Zurückhaltung aufzugeben
und mir meine Rechte zu erstreiten. (Beispielfall war das Abschleppen
meines Mietwagens, den ich, wie ich dachte, richtig abgeliefert
hatte, aus der Einfahrt vor einem Hotel, in dem man den Schlüssel
der Leihwägen abgab. Dank der Hilfe meiner amerikanischen Freunde
- die Ehefrau war Juristin und gab mir die relevante Seite aus dem
Gesetzbuch von Massachusetts, worin die Höchst-Abschleppgebühren
vermerkt standen - gelang es mir, der Leihfirma nachzuweisen, daß
sie nur ein Drittel des von ihnen geforderten Betrages fürs
Abschleppen einkassieren dürften. Glücklicherweise hatte
ich mit Kreditkarte gezahlt, und so stritt sich die Rechtsabteilung
der Kreditkartenfirma mit dem Leihwagen-Unternehmen.)
Alles in allem also sehr positive Erinnerungen, die sich immer
mehr vergolden, je älter ich werde!
Meine Ausbildung war die einer Narratologin (Schülerin von
Franz Karl Stanzel in Graz). Dieser Forschungsrichtung bin ich immer
noch treu, nachdem ich mal kurzfristig in die postcolonial studies
fremdgegangen war. Seit einigen Jahren betreibe ich ein großes
Projekt, in dem ich diachron die Entwicklung von Erzählstrukturen
zwischen Mittelalter und 18. Jh. untersuche und dies detailliert
für einzelne Gattungen analysiere.
Daneben habe ich aber auch einen Forschungsschwerpunkt in den postcolonial
studies entwickelt, im Rahmen dessen ich mich mit Hybridität,
Multikulturalismus und mit Diasporafragen beschäftigte, und
zwar im Rahmen der indischen (Exil)Literatur in englischer Sprache.
Außerdem besteht weiterhin großes Interesse an ästhetischen
und kulturwissenchaftlichen Belangen des 18. Jahrhunderts (Arbeiten
über das Erhabene und Godwin), und ich plane mittelfristig
eine längere Arbeit über Edmund Burke zu schreiben. Sehr
interessant finde ich auch fragen von Schauspiel und Inszenierung
im 18. Jahrhundert.
Seit vier Jahren bin ich auch in einer interdisziplinären
Forschergruppe eingebunden, die sich mit Kriminalisierungsprozessen
im Zusammenhang mit ethischen Fragen befaßt. Dieses Projekt
"Recht, Norm, Kriminalisierung" wird in Zusammenarbeit
mit dem Max- Planck-Institut für ausländisches und internationales
Strafrecht in Freiburg und mit dem Institut für Philosophie
in Freiburg durchgeführt. Das anglistische Teilprojekt befaßt
sich mit der Darstellung des Gefängnisses in der englischen
Literatur, mit Metaphorik in Texten, die von Gefängnis und
Kriminalität handeln oder diese bildlich evozieren, und mit
der Entstehung von kriminologischen Diskursen aus Klischees, die
in Alltagsvorstellungen von Kriminalität kursieren.
Ich bin mir nicht sicher, was genau in diesem Abschnitt erwartet
wird, möchte aber vielleicht hier die Dinge ansprechen, die
mir wissenschaftlich am Herzen liegen.
Zunächst möchte ich ein Bekenntnis für die Einheit
von Forschung und Lehre ablegen. Ich habe sehr viel gelernt dadurch,
daß ich über viele verschiedene Bereiche unterrichte.
Dies hat mich oft auf neue Fragestellungen gebracht, und die Tatsache,
daß ich viele verschiedene Epochen und Gattungen unterrichte,
bedeutet auch, daß viele epochenübergreifende Erkenntnisse
möglich wurden. Meinen Studenten und Studentinnen bin ich sehr
dankbar für anregende Diskussionen, die oft noch bis in die
Forschung hinein nachwirken, und meine Dissertanden haben mir viele
anregende Oberseminarsitzungen geschenkt, die mein Interesse an
Literatur und theoretischen Fragestellungen intensivierten und den
Sitzungs- und Verwaltungsalltag kurz ausblenden halfen.
Was für die Geisteswissenschaften wirklich zählt. Heute
ist im Rahmen der Ökonomisierung der Universitäten der
Blick vieler Politiker und Ministerien darauf verloren gegangen,
wozu die Universität wirklich da ist. Die oft geäußerten
Wünsche, daß 50 % der Bevölkerung einen BA haben
sollen, und die absurde Erwartung, daß deutschsprachige Universitäten
Harvard und Yale replizieren könnten, markieren entgegengesetzte
Endpunkte einer Skala von Universitätspraxis, die sich nur
im Mittelmaß auf einen Nenner bringen läßt. Es
wird vergessen, daß Elite mit geringen Zahlen zu tun hat und
daß bei Weitererhalt von hoher Qualität absolut notwendig
ist, daß hohe Ansprüche an die Studierenden gestellt
werden. Dies widerspricht total der Forderung, daß auf das
niedrige Niveau vieler Studierender eingegangen werden soll und
viel mehr Abschlüsse zu produzieren seien.
Das Wichtigste für die Wissenschaft ist meiner Ansicht nach
Ruhe und Zeit zum Lesen und Nachdenken. Genau diese Ressource wird
aber im modernen Universitätsbetrieb systematisch abgetötet.
Nicht nur, daß bei neun Unterrichtsstunden (mithin 5-6 Kursen
im Semester) allein die Unterrichtsvorbereitung, so sie auf dem
aktuellen Forschungsstand basieren soll, mehr Zeit verschlingt als
die 40 % der Arbeitszeit, die eigentlich für Lehre vorgesehen
sein sollten, besonders wenn man noch von hohen Studierendenzahlen
ausgeht. Darüber hinaus ist der Verwaltungsaufwand in den letzten
Jahren so erheblich gestiegen und auch die Gutachtertätigkeit,
daß für tatsächliche Forschung und besonders für
intensives Lesen und für die Weiterbildung nicht mehr genügend
Zeit übrigbleibt. Literaturwissenschaftler forschen nachweislich
nur mehr in ihrer Freizeit nach der 60. Wochenarbeitsstunde, und
das bereits aufs Jahr gerechnet. Wen wundert es, wenn viele Kollegen
die Familie vorziehen und das Forschen nach ihrer Berufung sein
lassen, da sie es zu ungunsten ihrer Familien tun müßten?
Unter diesen Bedingungen scheint es wie Hohn, daß Minister
und Politiker überhaupt von deutschsprachigen Universitäten
Nobelpreise möchten. Bei den vorhandenen Arbeitsbedingungen
ist gute Qualität kaum zu haben.
Zwei Dinge liegen derzeit in der Universitätslandschaft stark
im argen. Einerseits muß dringend erkannt werden, daß
auch Wissenschaftler sich regenerieren können müssen,
daß Kreativität Freiräume und Zeit zum Nachdenken
braucht, und daß die Auflastung von immer neuen zeitintensiven
Arbeiten (nunmehr BA Studiengänge, in denen ständig kurzfristige
Termine für Korrekturen von Studienleistungen auch innerhalb
der Semesterferien laufen) nur zu einem führen kann: der massiven
Beeinträchtigung von innovativer Forschung. Zweitens muß
an deutschen Universitäten endlich organisatorisch und ausstattungsmäßig
der Zustand erreicht werden, daß wirklich forschungsaktive
Wissenschaftler von Aufgaben entlastet werden, um sich den zusätzlichen
Aufgaben widmen zu können, die mit Rang und Namen in der Wissenschaft
auf sie zukommen. An deutschen Universitäten werden engagierte
KollegInnen bestraft. Wer internationalen Ruhm erlangt und wegen
seiner Qualität der Forschung geachtet wird, erhält die
dreifache Arbeit zugeschanzt: er/sie sitzt in mehr Kommissionen,
wird für vergleichende Gutachten angesprochen, für DFG
Begehungen, für die Evaluation von Manuskripten für Zeitschriften
und Verlage, für Forschungspreise etc. etc. Diese zusätzlichen
Arbeiten, die alle ehrenamtlich sind und nicht einmal einen Zusatzverdienst
mit sich bringen, treffen nur die besten Forscher in jedem Fachbereich.
Dafür erhalten sie aber, im Gegensatz zu den USA oder Kanada,
keinerlei Entlastung bei ihrer Lehre, Verwaltung oder sonstigen
Agenden. Als Resultat sind genau die besten Köpfe auch diejenigen,
die dann für das, wozu sie am besten geeignet sind, nämlich
innovativ zu forschen, keine Zeit mehr haben.
Daher plädiere ich sehr dafür, daß über die
regulären Forschungssemester hinaus innovative WissenschaftlerInnen
sich für 3-4 Jahre freistellen lassen können, um sich
größeren Forschungsarbeiten zu widmen. In dieser Zeit
sollten sie außer der Betreuung von Dissertanden und einer
Lehrveranstaltung im Jahr keinerlei Verpflichtungen ihrer Universität
gegenüber haben, also auch keine Staatsexamina prüfen
müssen, keine Magisterkandidaten betreuen und keine administrativen
Aufgaben übernehmen müssen.
Nur wenn solche Arbeitsbedingungen gewährleistet werden, wird
die Geisteswissenschaft wieder international kompetitiv sein können.
Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF)
Haus der Forschung, Sensengasse 1, A-1090 Wien
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