Zur Zeit meiner Dissertation an der
Universität wien war die molekularbiologische Forschung in Österreich
noch in den Kinderschuhen. Das Studium der Genetik war gerade erst
im Aufbau begriffen und spezifielle Lehrveranstaltungen zu diesem
Thema wurden nur vereinzelt angeboten. Zwar beschäftigte sich
meine Dissertation mit molekularen Fragestellungen, im Vordergrund
stand aber doch sehr oft die Bewältigung technischer Schwierigkeiten
und die Etablierung "neuer" Methoden wie DNA-Sequenzierung,
Erstellen von DNA-Banken etc.
Es ist daher nicht verwunderlich, dass mir der Beginn meines Auslandsaufenthaltes
an der Carnegie Institution of Washington in Baltimore, Maryland,
wie eine technische und kulturelle Revolution vorkam. Der technische
Stand der Forschung liess die wissenschaftliche Fragestellung in den
Vordergrund rücken. Dazu kam die amerikanische Mentalität
und die finanzielle Ausstattung der Forschungsinstitution, welche
nahezu jedes wissenschaftliche Problem lösbar erscheinen liess.
Auch das Traditionsbewusstsein der Forschungsstätte, welche viele
bekannte Forscher beherbergt hatte und wo Untersuchungen durchgeführt
wurden, die in Lehrbücher Einzug fanden, schaffte eine sehr selbstbewusste
Atmosphäre.
Während mich dieses Umfeld anfangs einschüchterte, erkannte
ich bald die vielen Möglichkeiten, die es mir ermöglichten
neue Fragestellungen in einem stimulierenden und unterstützenden
Umfeld zu bearbeiten und sogar erstmals selbst zu entwickeln. Bei
der Diskussion von Ergebnissen und der aus heutiger Sicht zögerlichen
Planung neuer Experimente bekam ich sehr oft zu hören "just
do the experiment". Diese Aufforderung zum Experimentieren nahm
ich bald an und versuche heute an meine Studenten weiterzugeben. Die
unbekümmerte Annahme neuer Herausforderungen ist sicher ein Grundbaustein
des Erfolges in der Forschung.
Neben den wissenschaftlichen Möglichkeiten hat mir mein Aufenthalt
in den USA auch den Zugang zur amerikanischen Mentalität und
zu Freunden ermöglicht. So freue ich mich jedesmal, wenn ich
den Besuch von Konferenzen in den USA mit einem Treffen alter Freunde
verbinden kann.
Nach fast vier Jahren in den USA kehrte
ich 1993 nach Österreich zurück, wo mir in der damaligen
Abteilung für Zellbiologie und Genetik (Prof. Schweizer) am Botanischen
Institut der Universität Wien ein Posten als Univ. Assistent
angeboten wurde.
Dank der wissenschaftlichen Freiheit in der Abteilung und der finanziellen
Unterstützung durch vom FWF geförderte Forschungsprojekte
war es mir möglich, mein in den USA begonnenes Forschungsprojekt,
die Charakterisierung RNA-bindender Proteine, in Wien weiter zu bearbeiten
und auszubauen. Stand anfangs die Charakterisierung einer neuartigen
RNA-Bindungsdomäne, welche mittlerweile in vielen Proteinen gefunden
wurde, im Vordergrund, beschäftigt sich meine heutige Forschung
primär mit der Funktion des RNA-editings, einer post-transkriptionellen
Veränderung der RNA, und deren Einfluss auf das Kodierungspotential
und die Funktion von RNAs.
Die eigenständige Forschung erlaubte mir im Jahre 2001 die Habilitation
zum Universitätsdozenten im Fach Genetik und den Aufbau einer
Arbeitsgruppe, welche mittlerweile 10 WissenschaftlerInnen umfasst.
Das Erwin Schödinger Post-Doctoral
Fellowship bietet, gemeinsam mit anderen, vergleichbaren internationalen
Stipendien jungen WissenschaftlerInnen nach Beendigung ihres Studiums
die einzigartige Gelegenheit, ohne grosses Risiko neue wissenschaftliche
Richtungen in einem anderen kulturellen Umfeld zu erkunden.
Wohl die meisten jungen ForscherInnen stehen nach der Dissertation
vor der Frage, wie und ob eine Karriere in der Wissenschaft zu realisieren
oder überhaupt anzustreben ist. Während der Dissertation
steht ja zumeist nicht die Entwicklung wissenschaftlicher Theorien
sondern die Bewältigung und Beantwortung einer vorgegebenen Fragestellung
im Vordergrund. Daraus ergibt sich verständlicherweise die Ungewissheit,
ob man selbst die richtigen Fragen stellen und diese als GruppenleiterIn
auch erfolgreich bearbeiten können wird.
Diese grundsätzliche Frage für sich selbst zu klären
und das eigene Potential zu erkennen und auch zu entwickeln, stellt
aus meiner Sicht den wesentlichsten Teil eines Post-Doctoral Aufenthaltes
dar. Das richtige wissenschaftliche Umfeld spielt natürlich eine
wichtige Rolle. Stimulierende Kontakte und das nötige Mass an
Freiheit fördern die spielerische Komponente in der Wissenschaft,
welche es einem schliesslich auch ermöglicht, eigene Ideen zu
entwickeln. Die Möglichkeit diese zu verfolgen und auch nach
Beendigung eines Post-Docs weiter zu bearbeiten ist ohne Zweifel ein
wesentlicher Grundstein für eine wissenschaftliche Karriere.
Doch auch wenn sich im Laufe des Post-Docs andere Perspektiven ergeben,
wird sich ein Auslandaufenthalt auf den weiteren Werdegang sicher
positiv auswirken. Ich denke daher, dass das Erwin Schrödinger
Post-Doctoral fellowship in jedem Fall eine wertvolle Investition
in junge WissenschaftlerInnen ist, die nach Möglichkeit genutzt
werden sollte.
Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF)
Haus der Forschung, Sensengasse 1, A-1090 Wien
T +43-1-505 67 40
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