Aufatmen, aufatmen schon bei der Abreise,
aus dem einen und einzigen Grund, für eine Weile von der ärztlichen
Routinearbeit im Allgemeinen Krankenhaus Wien lange genug befreit
zu sein, um einem neurochemischen Forschungsprojekt am Trinity College
in Dublin nachgehen zu können.
Später, als die Ergebnisse der ersten Experimente vorliegen,
ein neues Konzept hinsichtlich der Chemoarchitektur des Nervensystems
und dessen Funktionsstörungen. Weitreichende und tiefgehende
Lektüre über molekulare Läsionsmuster vom Typ excitotoxicity.
Zunehmend intensivere Kontakte zu den lokalen Wissenschaftern und
den anderen postdocs. Ausbau und Verfeinerung des experimentellen
Modells der Inkubation von Rattenhirnschnitten. Erste überraschende
Ergebnisse stacheln meine Neugier an, erhöhen die Motivation.
Im Labor des Department of Biochemistry herrscht beste Stimmung, wiewohl
die Mittel begrenzt sind und der Betrieb nur durch Maximalkooperation
(Ausborgen von Apparaturen, Chemikalien und Know-how) aufrecht zu
erhalten ist. Die fester werdende Überzeugung, dass nicht nur
die irischen Wissenschafter, sondern auch der Großteil der übrigen
Einwohner dieses Landes Meister(innen) im Helfen sind. Erste Publikation
in der immer noch reichlich ungewohnten Wissenschaftsprovinz Neurochemie.
Versuch eines Brückenschlags von den experimentellen Ergebnissen
zu einigen klinisch vertrauten neurologischen Erkrankungen. Erste
Vorträge in Englisch bei einem Neuroscience Meeting in Tipperary.
Antrag beim FWF um Verlängerung des Schrödinger-Stipendiums.
Lektüre der Bücher Was ist Leben?' und Mein
Leben, meine Weltansicht' von Erwin Schrödinger, der selbst,
vom Nazi-Regime verfolgt, am Institut for Advanced Studies in Dublin
eine zweite Heimat gefunden hat. Schrödingers Kapitelüberschrift
zum Thema Was ist wirklich?` lautet:Wir werden der Gemeinsamkeit
der Welt nur durch die sprachliche Verständigung inne'. Diesen
Satz als Ausgangspunkt genommen für die Erkenntnis, dass ein
toleranter Wissenschafts- und Klinikbetrieb nur dann möglich
ist, wenn deren Protagonisten auf mehrere Identitäten (fachliche,
sprachliche, nationale, persönliche) verweisen können. Wehmütiger
Abschied im hereinbrechenden Winter 1991 trotz weiter bestehender
Kooperationsprojekte. Insgesamt bei meiner Rückkehr nach Österreich
damals die tiefe Überzeugung, dass die Erfahrungen, die ich am
Trinity College in Dublin gesammelt habe, prägend sein werden,
was meine weitere Laufbahn als Neurochemiker und Neurologe anlangt.
Mein heutiger Tätigkeitsbereich
umfasst die Betreuung neurologisch kranker Menschen als Professor
und stationsführender Oberarzt an der Universitätsklinik
für Neurologie in Wien, wobei meine Arbeitsschwerpunkte entzündliche
und Autoimmunerkrankungen umfassen. Der Aufbau eines neurochemischen
Labors ist mir im Rahmen der Klinik und unter Mithilfe einiger motivierter
Mitarbeiter trotz widriger Umstände wie Personalmangel und rudimentärer
Unterstützung durch Vorgesetzte zwar gelungen, ich habe mich
aber vor einigen Jahren freiwillig aus meiner Position als Laborleiter
zurückgezogen, als ich erkennen musste, dass vernünftige
Forschungsinitiativen nur in einem verständnisvollen und kooperativen
Klima erfolgreich sein können, diese Bedingungen jedoch an meiner
Arbeitsstelle nicht nur nicht geschaffen, sondern systematisch untergraben
wurden. Aus diesem Grund liegen derzeit viele meiner wissenschaftlichen
Qualifikationen, die ich mir bei meinem Forschungsaufenthalt im Ausland
erworben habe, brach. Ich bin aber zuversichtlich, dass meine Fähigkeiten
und meine Motivation als Forscher unter anderen Gegebenheiten wieder
aufleben werden.
Wer die Kritik anderer am eigenen (auch
wissenschaftlichen) Handeln nicht ernst nimmt, begibt sich auf einen
Holzweg, der früher oder später in dogmatische Verhärtungen
mündet, die mit demokratischen Mitteln nicht beizulegen sind.
Es gibt kaum etwas Unangenehmeres als mit selbsternannten Experten
arbeiten zu müssen, die nichts zustande bringen. Ein offener
Diskurs ohne größere Empathiedefizite ist die wichtigste
Ingredienz einer Wissenschaft, der es langfristig gelingt, die Aufmerksamkeit
für das as Wesentliche zu bewahren.
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